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Zwischen Adrenalin und Paragraphen

Ohne Höhenarbeiter wären Fassaden verdreckt und Produktionsanlagen stünden still. Was Höhenarbeiter für Reinigung und Industrie leisten, wie sie um Märkte und gegen Dumpingpreise kämpfen. Wenn Haftungsfragen ins Spiel kommen, kann billig freilich schnell auch teuer werden.

Im Internet gibt es auch zu eher trockenen Themen bisweilen sehr charmante Videos zu sehen. Die britische Firma Ionic Systems etwa erklärt technische Neuheiten im Bereich Fassadenreinigung anhand einer Demo, die einen auf eine Zeitreise mitnimmt. Das Intro zeigt, wie noch in den 50er, 60er Jahren gearbeitet wurde. Von der Zentrale schwärmt ein Trupp „Höhenarbeiter“ aus: Auf klapprigen Waffenrädern, auf den Rücken eine Leiter geschnallt, auf der Lenkstange ein Küberl und ein Putzfetzen.

Dass sich das Video auf einer englischen Webseite findet, ist auch kein Zufall. Ausgerechnet das wenig gebirgige England gilt als so etwas wie das Mutterland der professionellen Höhenarbeit. Der Anschub zur Professionalisierung lieferten vor allem die Nordsee-Ölplattformen, wo durch mangelndes Risk-Management immer wieder teure und vermeidbare Unfälle passierten. Kein Wunder also, dass die weltweit wirklich einzig anerkannten „ISO-Zertifikate“ für Höhenarbeit von der englischen „International Rope Access Trade Association“ (IRATA) stammen. „ISO“ ist natürlich unter Anführungszeichen zu sehen, die normative Wirkung der IRATA-Regeln dürfte jedoch vergleichbar sein. Dass das „Flachland“ England eine Führungsposition einnimmt, zeigt noch etwas. Bergfexe und Adrenalinjunkies auf der Suche nach dem Kick haben in der Branche nichts verloren.

Im Gegenteil, wer seine Bewerbung bei einem der Profi-Anbieter mit „ich bin ein begeisterter Kletterer“ einleitet, hat fast schon verloren. „Solche Bewerbungen bekomme ich im Dutzend. Wer so einleitet, landet gleich in der Rundablage“, sagt etwa Harry Kollmitzer, Chef der Kärntner „AlpinCenter“. Wirklich gesucht werden etwa ausgebildete Dachdecker, Schlosser, Stahlbaumonteure, Ziviltechniker oder Baufachleute.

Kletterkünste schaden natürlich nicht, aber eine Voraussetzung sind sie nicht. „Wenn die Bewerber noch nicht klettern können bringen wir ihnen das schon bei“, so Kollmitzer. Dieses Credo hört man – ähnlich lautend – quer durch die Branche. „Viele sehen den Beruf des Höhenarbeiters verklärt. Aber man muss einen strengen Schnitt zwischen Alpinisten und Professionalisten machen“, sagt beispielsweise Andreas Geisler, Geschäftsführer der Innsbrucker „offground solutions“. Die verschärften Qualifikationsanforderungen gelten zumindest für die fest angestellte Kernbelegschaft. Ohne einen Pool von freien Mitarbeitern dürfte kaum ein Anbieter auskommen. Dafür sorgt schon die österreichische KMU-Struktur.

In Deutschland werden noch Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern als KMU gehandelt, in Österreich typisch solche mit 10. Trotz der relativen Kleinheit haben einige heimische Anbieter den Sprung über die Grenzen geschafft und warten beispielsweise deutsche Windparks oder Industrieanlagen oder haben dort Niederlassungen und Vertretungen.